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Die skrupellose Bande

Am 08.10.2012 packte ich meine Koffer und zog aus.

Ein bisschen Unwohl habe ich mich wirklich gefühlt als ich an den Jungs vorbei gelaufen bin.

„Gehst du zurück nach Deutschland?“ – kam die Frage.

„Nein, natürlich nicht dafür ist es hier zu schön!“ – kam die Antwort.

In dem Moment war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es besser ist Auszuziehen.

Inzwischen weiß ich, dass es richtig war. Ich wohne jetzt bei Franz. Es ist schon angenehm. Bevor ich ausgezogen bin, habe ich ja auch noch nicht richtig gearbeitet oder eben nur teilweise. Jetzt habe ich ja einen Arbeitsplan, zu dem ich später noch mehr erzähle und es ist anstrengender geworden. Da ist es schon besser einen echten Feierabend zu haben ohne, dass die Jungs zu jeder Zeit an deine Tür klopfen.

Im Zentrum zu wohnen hat auch noch andere Vorteile. Ich muss nicht immer mit dem teuren Taxi heimfahren nachdem ich noch was trinken gehe. Des weiteren kocht Franz wirklich sehr gut und das Bett hier ist 100 mal so bequem.

Ich bin froh jetzt erst einmal hier untergekommen zu sein. Es ist wirklich sehr entspannt, weil ich mich so um nichts kümmern muss. Festlegen hier zu bleiben will ich mich aber nicht. Beispielsweise Victor hat mir schon angeboten zu ihm zu ziehen und die Idee mit dem eigenen Apartment ist auch noch nicht vom Tisch.

 

 

CRONOGRAMA DE TRABAJO – VOLUNTARIO DE ALEMANIA

Meine Arbeit hat jetzt eine genaue Gestalt angenommen. Geregelte Zeiten und Aufgaben. Um 8 Uhr fange ich 3 mal die Woche mit Betreuung der Jungs und Arbeiten im Gelände von CETWA an meist mit Limbert. 2 mal die Woche mache ich mit Walter Straßenarbeit.

Nach dem Mittagessen geht es je 2 mal mit Hausaufgabenbetreuung und mit Arbeiten im Computerraum weiter bis um 16 Uhr.

Freitag nachmittags habe ich frei. Jedoch gehe ich Freitag abends oft mit Walter zur Straßenarbeit.

An meiner Arbeit schätze ich die Abwechslung sehr. Daher mache ich auch Arbeiten im Computerraum. Wobei mir die Hausaufgabenbetreuung sehr gefällt. Vor allem mit Fernando arbeite ich hier viel. Er geht noch nicht auf eine weiterführende Schule aber soll jetzt schon in Mathematik viel lernen. Gestern habe ich im das Rechnen mit dezimal Zahlen (Zahlen mit einem Komma) erklärt. Es macht wirklich Spaß und er lernt richtig schnell. Nebenbei kann er ca. 10 mal so schnell im Kopf rechnen wie ich und bei Aufgaben wie [ 98456789 : 7856 = ? ] muss ich dann auch mal länger denken.

Da ist es deutlich einfacher den drei Zwölfjährigen bei Mathe zu helfen.

Eine Beobachtung ist, dass sie oft unkonzentriert sind. Sobald man jedoch mit ihnen etwas macht, sind sie überhaupt nicht mehr abgelenkt und lassen sich auch von anderen Jungs nicht mehr stören.

Die Straßenarbeit macht mir sehr viel Spaß und ist gleichzeitig auch sehr anstrengend von ihr habe ich ja schon im letzten Artikel viel berichtet.

 

 

Cochabamba hat ein Problem. Hier gibt es viele Kinder, jugendlich und junge Erwachsene die auf der Straße leben. Ohne Bildung haben sie auch keine Chance auf große Besserung abgesehen von den Projekten wie CETWA. Auf der Coronilla leben sie an einer Mauer unter selbst gebauten Hütten aus Planen und Holzkonstruktionen. Die Situation ist nicht gut und es muss gehandelt werden. Jedoch wie.

Nun die Polizei kennt hier scheinbar nur eine Art und Weise. Hart, mit Gewalt und vor allem radikal.

Hierzu zwei Beobachtungen.

Wir saßen im Park und haben mit zwei Jungs und drei Mädels geredet die hier wohnen.

Auf einer Wegkreuzung nahe an unserer Wiese waren vier ältere Jungs, die berauscht vom Kleber hin und her wankten. Ganz bestimmt kein schöner Anblick, aber weder waren sie besonders laut, noch sahen sie so aus als würden sie gleich gefährlich werden.

Es kamen drei Polizisten den Weg entlang gelaufen. Schon 20 Meter vor den Jungs zog der eine seine Pistole aus dem ersten Weltkrieg und ein anderer seinen Schlagstock. Der dritte zog sich einen Mundschutz an.

Sie haben den Jungs gedroht, sie geschubst und ihnen befohlen sich in ihr Loch zu verkriechen und am besten nicht mehr raus zu kommen. Die Jungs fanden das natürlich nicht so nett und fingen an lauter zu werden. Glücklicherweise kam dann eine Freundin der Jungs und zog sie mit sich weg von den Polizisten. Die darauf hin wieder weiter gingen.

Die nächste Beobachtung ging mir sehr nahe und ich war genauso wie Björn merklich sehr erschrocken.

Wir kamen an der Coronilla an und gingen zuerst zu der einen Gruppe die sich aber gerade auf dem Weg zur Arbeit (Autos waschen, etc.) machten. Es war noch ein Älterer da geblieben mit dem wir uns unterhielten. Schließlich wollten wir noch zur anderen Gruppe die gerade mal 20 Meter weiter weg war. Ich verstand nicht genau was er uns gesagt hat, da er auf Grund seines Kleberkonsums sehr nuschelte. Nur so etwas wie, nicht mehr da.

Walter sagte auch nichts sondern zog uns nur mit. Als wir an der Stelle angekommen waren wo die zweite Gruppe, auch aus ca. 15 Leuten bestehend, wohnte, bot sich uns ein wahrhaft erschreckender Anblick. Es war alles niedergebrannt. Die Unterkunft, die Matratzen, die Spiele, die Nahrungsmittel, eben alles was sie hatten. Wer kann so etwas nur tun, war die erste Frage die sich mir in den Kopf schoss. Ich dachte zuerst an andere Straßenjungs oder an einen Unfall. Walter klärte uns aber auf, dass dies das Werk der Polizei war. Es komme öfter vor.

Ich frage mich nur was das bringen soll. Wenn man die Unterkunft der Obdachlosen zerstört, wird aus diesen doch nicht normale Arbeiter mit eigenem Haus. So kann man das Problem doch nicht lösen.

Das Bild der Polizei hat sich also von einer korrupten Bande zu einer korrupten, skrupellosen Bande weiterentwickelt.

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