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Grüße an Zottelbär

Ich bin gegangen. Punkt halb nochmal eine Runde um den Plaza und dann nach Hause.

Ich will ehrlich sein, es war ein wirklich gutes Gefühl und ich habe nicht einmal eine Nachricht geschrieben.

Ich erhalte den Text: „Wo bist du?“ Und nach meiner Antwort: „Zuhause in meinem Bett.“ noch die Frage: „Warum bist du nicht hier?“

Aus Höflichkeit könnte ich etwas schreiben wie „mir war richtig kalt, hab mich nicht gut gefühlt und ich muss morgen früh raus“ was alles nicht einmal eine komplette Lüge wäre. Aber nein um mein Ego zu befriedigen musste einfach der Satz; „Ich habe genügend Zeit, da braucht mir keiner noch mehr zu schenken!“ her.

 

Es ist mir wohl bewusst, dass Bolivianer zu spät kommen und das nehme ich ihnen wirklich nicht böse. Ich kann mich ja auch mal 15 oder 30 Minuten anders beschäftigen. Was ich hingegen nicht nach vollziehen will, ist wie man mir um Punkt 9 am Telefon sagt in 5-6 Minuten wäre man da, obwohl man sich am anderen Ende der Stadt befindet, also ungefähr 30 Minuten braucht, selbst schon gegessen hat und weiß, dass ich gerne schnell was essen gehen würde. Selbstverständlich laufe ich nicht zum Hamburgerstand, 10 Minuten entfernt.

Also wie sagt man mir erst mittags, dass dieser Plaza abends gefährlich ist und wenn es sich nicht so gut anbieten würde ein anderer Ort eigentlich besser wäre, und lässt mich nur 7 Stunden später an genau diesem Platz 30 Minuten alleine warten?

 

Wie oft ging mir hier schon der Satz durch den Kopf: „Wenn dich also jemand in eurem Gastland warten lässt, dann denkt daran, ihr wartet nicht, ihr bekommt Zeit geschenkt!“

Ich rate jedem zukünftigen Freiwilligen, vergesst diesen Satz so schnell es geht. Jedes mal wenn ihr wartet, und ihr werdet warten, denn ihr wisst ja nie wie lange, werdet ihr sonst an diesen Satz denken und ich verspreche euch ihr werdet dadurch noch ungeduldiger und regt euch nur auf. Der Unterschied ist einfach. Wie gesagt warten tut man wenn man nicht weiß wie lange man wartet oder wenn man zu dumm ist was anderes zu machen in der vorgegeben Zeit. Zeit geschenkt bekommt ihr, wenn ihr vielleicht sogar schon am Treffpunkt seid, und die Nachricht erhalte ich brauche noch xx Minuten, und wisst, dass diese Aussage ernsthaft ist. Nur dann nämlich kann man was anderes in eben dieser Zeit machen.

 

Bei dem Thema habe ich folgendes Regelwerk erstellt, es funktioniert:

a) sei nie pünktlich

b) wenn du doch mal pünktlich bist und warten müsstest, dann geh noch mal für 20 Minuten in ein Internet-Cafe oder in einen Filmladen

c) bleibe auf keinen Fall direkt am Treffpunkt, es seiden es ist ein Internet-Cafe oder ein Filmladen

d) Regel c) folgt daraus, dass du sonst immer umher schaust und nach der Person mit der du dich triffst suchst. Somit wartest du.

e) für alle Fälle → Regel f)

f) sei nie pünktlich

 

Ein paar andere Kenntnisse:

→ Natürlich sind Kokablätter noch keine Droge, wenn ich sie aber jeden Tag zu jeder Zeit zu mir nehme, sie also konsumiere werden sie zu Drogen. Was sagt ihr zu Kaffee?

→ Man fällt nur in ein Loch und rennt gegen eine Schaumstoffwand wenn man an so etwas absurdes glaubt

→ Einen Ivan Integration gibt es nicht, wie soll ein Weißer denn in einem Land leben ohne aufzufallen wenn es in diesem Land keine Weißen gibt?

→ Es gibt keine weißen Bolivianer, k-e-i-n-e

→ Man muss aber auch kein Ivan Integration sein um auf der Skala ganz oben zu sein

→ Wie gelange ich auf die andere Seite der Stadt wenn ein Fluss durch sie fließt ohne über Brücken oder durch Tunnel zu laufen? Ohne zu schwimmen

→ Der Fluss in Cochabamba hat zu 99% im Jahr nicht einmal genügend Wasser für ein Tretboot

 

Natürlich gibt es noch andere Dinge die so passiert sind. Wie immer gibt’s auch einen Feiertag, der sieht nur ein bisschen anders aus:

 

Todos Santos

 

Allerheiligen ist hier ein größeres Ereignis als in Deutschland.

In jedem Haushalt findet man zwischen dem 1. und dem 3. November einen geschmückten Tisch mit unterschiedlichen Lebensmitteln, vielen Blumen und Bildern.

Auch im Projekt haben wir so einen Tisch vorbereitet, haben dafür extra gebacken, ein großer Mond und eine große Sonne hängt von oben herab.

 

Allerheiligen, beziehungsweise „Todos Santos“ ist zum Gedenken an die Verstorbenen, daher gehen hier auch alle am 2. November auf den Friedhof. Dieser Tag ist hier für alle ein Feiertag und so war es für mich wirklich schwierig meiner Freundin in Deutschland zum Geburtstag zu gratulieren.

 

Jedenfalls stehen auch auf dem Tisch in meinem Projekt Bilder, sechs an der Zahl. Es sind Bilder der Verstorbenen. Ich werde nur einen Namen nennen, und das ist der Name von Pfarrer Deppen, dessen Bild hier auch steht. Einer der Gründerväter der Projektes und einer der größten Unterstützer. Alle anderen Bilder sind von Jungs, die in diesem oder in befreundeten Projekten gewohnt haben, oder eben hier bekannt waren.

Die Geschichten haben mich sehr bewegt, dass sind wahre Schattenseiten. Ein Junge wurde von seiner Vergangenheit eingeholt, Überkonsum. Ein Anderer, noch nie mit Drogen in Berührung, Herzkrank. Der Junge, dessen Bild vorne links steht, ist noch einigen hier bekannt, er war hier im Projekt. 2006 wurde er zwei Straßen vom Projekt entfernt ermordet. Auch er von seiner Vergangenheit eingeholt.

Es sind Geschichten, die hinter den Bildern der Jungs stecken und es sind die Jungs, die in den Gebeten der anderen sind.

 

Jedoch hat dieser Feiertag nicht nur etwas tristes. Einer der Jungs, David, mit dem ich wirklich oft rede, da er dieses Ausbildungsjahr in der Technik Schule abgeschlossen hat, und somit morgens auch im Projekt ist, konnte so gestern zu seiner Mutter fahren die ca. 2 Stunden von Tiquipaya entfernt wohnt. Ich wusste, wie glücklich er darüber war, und freute mich so mit ihm. Zwei andere Jungs nutzen die freien Tage auch um ihre Familien zu besuchen.

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